| Kampfkunst und
Gewaltprävention aus der Sicht eines Aikido-Meisters und eines Psychologen. |
Einleitung![]()
Gewalt als eines der Merkmale der Evolution begleitet die Menschheit seit Ihrer
Entstehung - und aus diesem Blickwinkel erkennt man bereits zwei sehr unterschiedliche
Themenbereiche der Selbstbehauptung: Die Verteidigung gegenüber der widrigen
Natur, gegenüber Nahrungskonkurrenten oder Raubtieren etwa, und die Selbstbehauptung
innerhalb der sozialen Gemeinschaft. Wehrhaftigkeit zu besitzen, ist für
beide Komplexe notwendig.
Im Laufe der menschlichen Entwicklung hat der Mensch sämtliche Nahrungs-Konkurrenten
weit hinter sich gelassen und ihm gefährlich werdende Raubtiere (zumindest
in den westlichen Ländern) in Zoos verbannt. Übrig geblieben als lebensbedrohende
Gegner sind lediglich Bakterien und die sich in die Ordnung der Biologen schlecht
einpassenden Viren und - der Mensch selbst. Aus diesem Grund stehen, setzt man
sich mit dem Thema Selbstbehauptung und Selbstverteidigung auseinander, heute
die zwischenmenschlichen Konflikte im Vordergrund.
Es lohnt sich aber durchaus, diese vorgestellten Gedanken im Blick zu behalten,
einerseits weil menschliche Reaktionen auf Gefahr durch die Auseinandersetzung
mit der auch feindlichen Natur erworben wurden, die so auf die heutige Umwelt
nur noch schlecht passen, andererseits auch bezogen auf unsere übriggebliebenen
mikrobiellen Feinde, die wir nicht nur mit der Hilfe der modernen Wissenschaft,
insbesondere der Pharmakologie bekämpfen können, sondern auch durch
ein starkes und gut funktionierendes Immunsystem.
Was ist Selbstverteidigung?![]()
Bei dem Begriff "Selbstverteidigung" denkt man wohl zuerst an ein
Kampfgeschehen oder an spezielle Kampftechniken, die dazu dienen, den Angriff
eines Gegners erfolgreich abzuwenden. Selbstverteidigung ist aber sehr viel
differenzierter. Eine Freundin berichtete mir einmal die folgende Geschichte:
Am späten Abend war sie auf dem Weg nach Hause. Der Weg war auf der einen
Seite mit Häusern bebaut, auf der anderen Seite grenzte ein Park. Während
sie auf der Häuserseite ging, wurde sie auf der gegenüberliegenden
Parkseite von einem fremden Mann begleitet, der sich etwas hinter ihr ihrem
Schrittempo angepasst hatte und immer zu ihr hinüber schaute. Bei meiner
Freundin entstand in dieser sehr unklaren Situation eine Mischung aus Ärger
und Angst. Der Ärger überwog schliesslich, und ohne nachzudenken blieb
sie abrupt stehen, drehte sich zu ihm hin und brüllte ihn an: "Verschwinden
sie endlich!" Der fremde Mann machte einen Satz ins Gebüsch und verschwand,
wie ihm geheissen ward. Dieses Beispiel für eine Selbstverteidigungssituation
macht einiges deutlich:
| 1. | Selbstverteidigung ist nicht immer gleichzusetzen mit einer körperlichen Auseinandersetzung oder einem Kampf. (Wie oben angesprochen ist auch die Stärkung des Immunsystems eine Art Selbstverteidigung.) |
| 2. | Man kann sich sogar schon dann bedroht fühlen, wenn noch ein relativ grosser Abstand zu einer anderen Person besteht und man kann sich auch über eine grösser Distanz schon zur Wehr setzen. |
| 3. | Bedrohung ist häufig subjektiv. Es liegt im eigenen Empfinden, ob ich mich angegriffen fühle oder nicht. Entsprechend muss ich auch entscheiden, wann ich mich zur Wehr setze. |
| 1. | Eltern wollen, dass sich ihre Kinder besser schützen können, auf dem Schulweg, auf dem Schulhof, vor Anmache, davor, bestohlen zu werden |
| 2. | Andere Eltern haben die Vorstellung, dass ihr Kind - ihr Sohn - zu schüchtern, zu weich ist und erhoffen sich von Selbstverteidigungskursen ganz allgemein mehr Selbstbehauptung für ihren Sohn. |
| 3. | Frauen und Mädchen interessieren sich für Selbstverteidigungskurse, weil sie lernen wollen, wie sie sich in brenzligen Situationen verhalten können, um nicht Opfer männlicher Gewalt zu werden. |
| 4. | Generell möchten Menschen wissen, wie sie reagieren können, wenn sie Angriffe zwischen anderen beobachten, was sie tun können, wenn sie Gewaltsituationen auf der Strasse oder in öffentlichen Verkehrsmitteln begegnen, ob und wie sie eingreifen können oder sollen. |
Generell kann man wohl sagen: Je brutaler eine Kampfsportart ist, desto reizvoller
ist sie für diejenigen, die Konfliktlösungen durch Gewalt friedlichen
Lösungen vorziehen.
Das Kampf-Flucht-Verhalten ![]()
Das Kampf-Flucht-Verhalten ist (neben dem Erholungs- Fortpflanzungsverhalten)
eines der zwei Grundprogramme des menschlichen Verhaltens. Um in der Natur überleben
zu können, sind schnelle und effektive Aktionen erforderlich. Dafür
wird der Körper nach einem biologisch fest verankerten Notfallplan von
einer Sekunde auf die andere in einem Alarmzustand versetzt.
Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Steinzeitmensch und liegen nach einem üppigen
Mahl in der Sonne auf einem warmen Stein. Sie sind zufrieden und geben sich
angenehm entspannt allein Ihrer Verdauungstätigkeit hin. Plötzlich
hören Sie ganz in ihrer Nähe das typische Rasseln einer Klapperschlange.
Vermutlich sind Sie augenblicklich nicht mehr schläfrig sondern hellwach,
Herzschlag und Blutdruck sind erhöht, die Muskeln gespannt, die Augen weit
aufgerissen. Mit anderen Worten, Ihr Aktivitätsniveau ist sprunghaft angestiegen.
Sie müssen jetzt nur noch entscheiden, was Sie mit der bereitgestellten
Energie anfangen wollen. Entweder Sie erschlagen die Schlange mit einem Stock
(Kampf) oder Sie nehmen Reissaus (Flucht). Diesen Komplex körperlicher
Reaktionen nennen die Psychologen daher Kampf-Flucht-Verhalten.
Dieses Grundprogramm wird über das autonomes Nervensystem und über
Hormone gesteuert - wir haben keinen Einfluss darauf. Wir werden gar nicht erst
gefragt, ob uns die Klapperschlange erschrecken soll oder nicht. Wir sind innerlich
schon im Stress, bevor wir überhaupt begriffen haben, was los ist. Die
Stressreaktion mobilisiert unsere gesamten Energiereserven - alle Kraft sollte
uneingeschränkt zur Verfügung stehen, alles Störende muss ausgeblendet
werden (vgl. SCHERER et al. 1985). Das Herz beginnt schneller und kräftiger
zu schlagen. Die Atemfrequenz erhöht sich. Auf der Haut wird Schweiss freigesetzt,
einerseits um den Körper zu kühlen, andererseits um die Haut glitschiger
zu machen - Gladiatoren wussten, wozu das gut ist. Die Nackenhaare sträuben
sich. Für uns Menschen ist das nicht mehr von Bedeutung, aber bei den meisten
Tieren ist das Aufrichten des Felles oder des Federkleides immer noch ein probates
Mittel, um Gegner einzuschüchtern. Ein Fell mit dem wir uns aufplustern
können, haben wir zwar nicht mehr, aber über eine veränderte
Körperhaltung können wir sehr wohl versuchen, uns grösser und
bedrohlicher wirken zu lassen. Man richtet sich auf, hebt das Kinn, drückt
die Brust heraus und winkelt die Arme etwas vom Körper ab, schon wirkt
man grösser und bedrohlicher.
Die Kampf-Flucht-Vorbereitung geht aber noch weiter. Jeder kennt das Gefühl,
wenn durch einen Schreck Adrenalin freigesetzt wird. Adrenalinausschüttung
ist eine der vielen Veränderungen, mit denen der Körper sich fit macht.
Neben Adrenalin werden noch weitere Botenstoffe im Gehirn und im Körper
freigesetzt, darunter auch Stoffe, die schmerzunempfindlich machen. Im Augenblick
höchster Erregung ist nicht die Zeit, Wunden zu lecken. Es ist bekannt,
dass unter Schockeinwirkung selbst schwerste Verletzungen von den Opfern zunächst
gar nicht richtig wahrgenommen werden. Dies ist sinnvoll, denn im Augenblick
der Gefahr geht es darum, die unmittelbare Bedrohung abzuwenden. Das erhöht
die Chance, dass man hinterher überhaupt Zeit zum Jammern hat.
Es ist wichtig zu bedenken, dass diese Reaktion als ein nur kurzfristig andauernder
Zustand angelegt ist. Nachdem man ein Raubtier besiegt beziehungsweise erfolgreich
abgeschüttelt hat, müssen sich die Körperfunktionen wieder auf
einen anderen Zustand einregulieren. Der Stress ist vorbei und wir können
uns nun eine kleine Rast gönnen oder uns wieder unserer Verdauung widmen.
Was passiert, wenn dieses Zurückregulieren nicht mehr in ausreichendem
Masse gelingt und wenn der Körper zu lange oder zu häufig in diesem
Alarmzustand verbleibt, sehen wir heute an dem breiten Spektrum psychosomatischer
Erkrankungen, die mit Stress in Verbindung gebracht werden. Dazu gehören
Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Kopfschmerzen, Unfruchtbarkeit und viele andere
Symptome.
All diese Beschwerden entstehen aber erst aus lang andauerndem Stress. Als kurzfristige
Reaktion ist Stress sogar etwas sehr Gesundes. Stress und Bewegung trainieren
den Körper und halten uns fit. Problematisch ist, dass heutzutage sehr
häufig Stress entsteht, der Körper macht sich für Kampf oder
Flucht bereit, aber es gibt keine Möglichkeit, die bereitgestellte Energie
abzuarbeiten. Wenn der Computer, an dem ich diesen Text schreibe nicht macht,
was ich will, und mich dadurch unter Stress setzt, macht sich mein Körper
zum Kampf oder auch zur Flucht bereit. Ich hätte dann zwar manchmal Lust,
entweder das Gerät aus dem Fenster zu werfen oder laut brüllend in
den Park zu fliehen, aber ich muss diesen Impuls gegen meine Natur unterdrücken.
Tabelle 1: Punkteverteilung beim Spiel Gefangenendilemma
| GefangenerA | GefangenerB | Ergebnisfür A | Bemerkung(A) | Ergebnisfür B | Bemerkung(B) |
| kooperiert | kooperiert | 1 |
Belohnung | 1 |
Belohnung |
| betrügt | kooperiert | 0 |
Versuchung | 5 |
Lohn des Dummen |
| kooperiert | betrügt | 5 |
Lohn des Dummen | 0 |
Versuchung |
| betrügt | betrügt | 3 |
Strafe | 3 |
Strafe |
Die Wissenschaftler fanden für dieses Dilemma zunächst nur die eine
Antwort: Die einzig sinnvolle Entscheidung ist, den anderen zu beschuldigen,
sich also nicht an die Absprache zu halten! Beschuldigen Sie Ihren Mitgefangenen,
so bekommen Sie lediglich drei Jahre, wenn er Sie auch beschuldigt. Schweigt
der andere, so werden Sie freigelassen (null Jahre), wenn Sie ihn beschuldigen.
Wie immer der andere sich entscheidet, immer stehen Sie besser da, wenn Sie
den anderen betrügen. Da Ihr Mitgefangener dieselben Überlegungen
anstellt, wird er zum selben Ergebnis kommen und um so dümmer wäre
es, zu kooperieren. Die Mathematiker kamen also zunächst zu demselben Ergebnis
wie die klassische Evolutionstheorie: Siegen oder zu verlieren, bzw. betrügen
statt kooperieren ist die einzige mögliche Strategie.
Diese Lösung des Gefangenendilemmas hatte immerhin fast dreissig Jahre
lang Bestand in der Spieltheorie, obwohl es einen ernsthaften Einwand gab: Liess
man zwei Spieler dieses Spiel mehrere Male gegeneinander spielen, so versuchten
sie häufig, sich kooperativ zu verhalten. Die klugen Experten zogen den
Schluss, dass diese Spieler sich dumm verhalten, dass sie schlichtweg strategisch
nicht genug versiert waren.
Robert Axelrod (1984) konnte in seinem berühmt gewordenen Computer-Turnier,
in dem er 14 unterschiedliche Programme jeweils 200 Mal gegeneinander spielen
liess zeigen, dass die Strategie "Wie du mir, so ich dir" (im englischen
Original: "Tit-for-Tat"), die der Politologe Anatol Rapoport in ein
Computerprogramm umgesetzt hatte, allen anderen evolutionären Strategien
überlegen war. Das Spiel wird wie folgt gespielt: Im ersten Zug biete ich
Kooperation an, danach wiederhole ich jeweils den Zug, den der andere im Spiel
davor gewählt hat. Axelrod erklärte den Erfolg dieser Spielstrategie
mit seiner Kombination aus Freundlichkeit, Vergeltung, Vergebung und Klarheit:
"Die freundlichen Merkmale des Programms verhindern unnötige Schwierigkeiten.
Seine Fähigkeit zur Vergeltung entmutigt den Gegner, sobald er betrügt.
Dadurch, dass das Programm vergibt, hilft es, die Zusammenarbeit wieder aufzunehmen.
Und seine Einfachheit erleichtert es dem anderen Spieler, es zu durchschauen,
was einer langfristigen Kooperation förderlich ist."
Interessant ist, dass die menschliche Kultur in einer ihrer grössten Religionen
diese Entscheidungsstrategie etablierte, nämlich im alttestamentarischen:
"Auge um Auge, Zahn um Zahn". Dabei wird heute oft vergessen, dass
dieses Gesetz ein Fortschritt gegenüber den sonst üblichen überharten
Strafen war. Im kulturellen Kontext dieser vorchristlichen Zeit müsste
es eigentlich heissen: "Nicht mehr als ein Auge für ein Auge, nicht
mehr als ein Zahn für einen Zahn". Diese Strategie aus der Spieltheorie
lässt sich leicht auf andere zwischenmenschliche Verhaltensweisen übertragen:
Der Grund, warum die Mathematiker 30 Jahre lang die Strategie: "Betrüge
immer" favorisiert hatten, lag daran, dass sie nicht bedacht hatten, dass
man sich im Leben immer zweimal trifft.
Der Wehrlose verliert auf alle Fälle![]()
"Tit for Tat" ist eine Strategie, die nur in einer sozialen Gemeinschaft
erfolgreich sein kann, in der man sich gelegentlich wiedersieht. Ist dies nicht
der Fall, so ist die Strategie: "betrüge immer" die erfolgreichere.
Was man aus dem Gefangenendilemma ableiten kann, ist, dass Gewaltprävention
immer darauf angewiesen ist, eine glaubwürdige Abschreckung aufzubauen.
Muss ein Täter nicht damit rechnen, selbst Opfer zu werden, wird er genau
die Strategie verfolgen, die die Mathematiker dreissig Jahre lang favorisiert
hatten: Betrüge immer oder im Kontext dieses Aufsatzes: Übe soviel
Gewalt bzw. Macht wie möglich aus, um deine Bedürfnisse durchzusetzen.
Daher hat jede Gesellschaft Gesetze und eine Staatsgewalt etabliert, um "sozialen
Betrügern" habhaft zu werden und sie zu bestrafen. Letztendlich etabliert
sich so zwischen pT und pO immer ein schwebendes Gleichgewicht, dass in starkem
Masse von der Fähigkeit der pO abhängt, die Gewaltausbrüche der
pT zu parieren.
Bezogen auf Selbstverteidigung bleibt die Frage, wann die Staatsgewalt ausreicht
oder gar ausschliesslich das Gewaltmonopol innehat und inwieweit an ihre Seite
Zivilcourage und Selbstverteidigung treten muss: Wann kann ich "Wie Du
mir so ich Dir" an den Staat delegieren, wann muss ich mich selbst wehren
können? (Die Amerikaner, die ihrem Staat nicht weit trauen, bewaffnen sich
lieber selbst (und neigen dabei manchmal zu Überreaktionen wie Selbstjustiz)
- in Deutschland mit seiner preussischen Vergangenheit und Obrigkeitshörigkeit
herrscht dagegen eher ein Mangel an Zivilcourage.) Einige Beispiele dazu:
| 1. | Prügeleien unter (meist männlichen) Kindern und Jugendlichen, |
| 2. | Gewalt, um verbrecherische Ziele wie Raub oder Rauschgifthandel durchzusetzen, |
| 3. | männliche Gewalt gegen Frauen. |
Verschiedene Kampfkünste![]()
Die Vielfalt der Kampfsportarten ist heute unübersehbar geworden, vor allem
wohl auch aus dem Grund, weil jeder Spitzenmann (oder seltener -frau) in dieser
Szene früher oder später meint, seine (ihre) eigene Stilrichtung propagieren
zu müssen. Dazu kommt noch das Crash-Kurs-Angebot, das Frauen gegen "männliche
Gewalt" fit machen soll. Diese Kurse sind etwas anders zu betrachten als
das übrige Angebot aus der Kampfsportszene.
Hier einige der weiter verbreiteten Kampfsportarten (Top Fighter Magazin 1998)
| Name | Herkunft |
| Boxen | Europa |
| Ringen | Europa, Vorderasien |
| Tai-Chi | China |
| Capoeira | Brasilien |
| Judo | Japan |
| Ju-Jutsu (auch: Jiu-Jutsu) | Japan |
| Karate-do | Japan |
| Kung-Fu (Wushu)(ca. 400 Stielrichtungen) | China |
| Pencak Silat | Indonesien |
| Nin-Jutsu | Japan |
| Taekwondo | Korea |
| Thai-Boxen (Sammelbegriff: Chai-Yutbekannteste Stielrichtung: Muay Thai) | Thailand |
| Aikido | Japan |
Erläuterungen
Das Boxen hat in Deutschland lange Zeit ein Schattendasein gefristet, wohl auch,
weil es als etwas halbseiden galt (und gilt). Erst in letzter Zeit wurde es
durch das Fernsehen gepuscht und ist wieder mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit
geraten. Dass Boxen früher einen anderen Stellenwert in der westlichen
Welt hatte, sieht man daran, dass es olympische Disziplin wurde (und heute immer
noch ist). Obwohl Boxen im Bewusstsein der meisten Jugendlichen lange nicht
an eine Kampfkunst wie dem Kung Fu eines Bruce Lee heranreicht, ist sie äusserst
effektiv, und geniesst auch heute noch in "Schlägerkreisen" hohes
Ansehen. Boxen ist, um einen Begriff aus der Verhaltensbiologie zu entlehnen,
als Beschädigungskampf einzuordnen.
Ringen ist im Gegensatz dazu eine klassische Form des Kommentkampfes, als eines
Vergleichskampfs, bei dem es nur darum geht, herauszufinden, wer der Stärkere
ist. (Ein gutes Beispiel für Kommentkampf ist z. B. auch das in bayrischen
Bierzelten beliebte Armdrücken.) Im Ringkampf geht es nicht darum, dem
Gegner Leid zuzufügen, dementsprechend gibt es keine Hiebe oder Tritte.
Ringen ist etwas aus der Mode gekommen, aber gleichwohl olympisch.
Mit Boxen und Ringen haben wir zwei europäische Kampfsportarten, die in
ihren Turnieren die beiden klassischen Rangkampfformen repräsentieren:
auf der einen Seite der Kommentkampf Ringen, in dem es nur gelegentlich zu "Unfällen"
kommt, auf der anderen Seite das Boxen, das auf eine lange Tradition von im
Ring gestorbenen Kämpfern zurückblicken muss. Bezeichnender Weise
sind beide Kampfsportarten lange ausschliessliche Domänen der Männer
gewesen und auch heute noch gibt es olympisch weder Damenringen noch den Faustkampf
zwischen Frauen.
Beispiel Aikido![]()
Aikido ist die letzte der grossen Budo-Sportarten, die in Japan entwickelt wurden.
Wie alle anderen Budo-Sportarten schöpfte Morihei Uyeshiba (1883-1969),
der Begründer des Aikido, aus den übervollen Quellen der japanischen
Kampfkunsttradition. Ähnlich wie das Judo gehen die Ursprünge dabei
auf die seit dem 11. Jahrhundert nur innerhalb der Samurai-Familie tradierten
Daito-Methode zurück. Diese Variation des Jiu-Jitsu bildete den gesamten
Körper als Waffe im Rahmen von Wurf- Schlag- und Hebeltechniken aus und
es wurde besonderer Wert auf die Koordination der körperlichen und geistigen
Kräfte gelegt.
Die Besonderheit des Aikidos wie des Judos ist, nicht gegen den Angriff anzukämpfen,
sondern die Kraft des Angriffs in die eigene Technik des Verteidigens mit einzubeziehen.
Dieses Prinzip, so einleuchtend es ist, wenn man die Vorteile erkannt hat, kann
durchaus als revolutionär in Bezug auf Kampfkunst angesehen werden. Die
Tatsache, dass die Techniken im Aikido nicht in dem Masse Körperkraft erfordert
wie in vielen der klassischen Kampfsportarten, bietet gerade auch Frauen eine
gute Möglichkeit, eine wirkungsvolle Selbstverteidigung zu erlernen.
Während das Judo aber als Methode der Ertüchtigung der Bevölkerung
für das Militär eingesetzt wurde und den Charakter einer Wettkampfsportart
erhielt, erfuhr das Aikido seine letztendlich Ausprägung unter dem Eindruck
der Niederlage der Japaner im zweiten Weltkrieg. Seitdem entwickelte sich das
Aikido - und wie bei jeder lebendigen Strömung entwickelt sich auch das
Aikido immer noch weiter - in Richtung einer Sportart, die den gewandelten Werte
einer zivilisierten Gesellschaft Rechnung trägt. Okumura, ein hochrangiger
japanischer Aikido-Meister drückt dies so aus (zitiert nach WISCHNEWSKI
1969):
"Seit dem 2. Weltkrieg hat sich Aikido radikal geändert: von einer
tödlichen Kriegskunst, wo ein Schlag genügte, einen Gegner zu töten,
zu einer göttlich inspirierten Form des Trainings."
Uyeshiba erkannte, dass der wahre Lebenskampf nicht mit einem anderen Menschen
sondern mit dem - lapidar ausgedrückt - eigenen inneren Schweinehund -
ausgefochten werden muss, um sein ganzes menschliches Potential zu erschliessen.
Daher glaubte er, dass die Beschäftigung mit Aikido vor allem dazu dienen
sollte, den Charakter zu entwickeln. Seinen Vorstellungen nach sollte Aikido
in Harmonie mit der Natur stehen, ihr dienen und sie beschützen. Uyeshiba
drückte es so aus: "Die Geisteshaltung, für den Frieden aller
Menschen in der Welt zu arbeiten, wird im Aikido gebraucht, und nicht die Geisteshaltung
von jemandem, der stark sein möchte oder der Gegner schlagen möchte."
(Dies erinnert durchaus an die "Tit for Tat" Strategie, zwar Stärke
zu besitzen, aber Kooperation anzubieten.)
Die Harmonie drückt sich bildlich in den Bewegungen der Aikido-Techniken
aus: Aikido beantwortet nicht einen Angriff mit einer Erwiderung und es wird
nicht Kraft gegen Kraft gemessen - letzteres würde zwangsläufig irgendwann
zu einer Niederlage führen, denn immer gibt es irgendwo einen, der stärker
als ich ist. Ein Angriff wird nicht gestoppt - er darf sich zunächst weiter
frei entfalten. Die Techniken des Aikido schliessen sich dem Angriff gewissermassen
an, vereinen die Kräfte des Angriffs und die eigenen Kräfte - die
Gegensätze sind damit aufgehoben - und der Aikidoka übernimmt über
diese doppelte Kraft die Kontrolle.
Ein kluger Einsatz dieser Kräfte ermöglicht, die angreifende Kraft
allmählich zu neutralisieren und die Harmonie wieder herzustellen. Das
Prinzip der Bewegungen ist dabei einfach: während ein Angriff fast immer
gradlinig geführt wird, bestehen im Aikido die Antworten aus kreis- und
spiralförmigen Bewegungen: Als würde der Angreifer eine rotierende
Platte betreten, wird er von der Zentrifugalkraft der Aikido-Bewegungen nach
aussen beschleunigt und verliert die Kontrolle über sein Gleichgewicht.
Danach wird der Angreifer zu Boden geworfen oder mit einem Armhebel festgesetzt,
und dabei so wenig wie möglich verletzt. Daher gibt es weder Schläge
noch Tritte.
Aikido hat eine Besonderheit gegenüber den anderen Kampfsportarten (bis
vielleicht auf Capoeira) - geübt wird ausschliesslich mit einem Partner,
und das nicht gegeneinander sonder miteinander. Dieses Einüben einer gemeinsamen
Bewegung miteinander prädestiniert Aikido mehr als alle anderen Kampfsportarten,
zur Gewaltprävention eingesetzt zu werden - das Miteinander statt Gegeneinander
übt neben den Kampftechniken wichtige soziale Kompetenzen ein.
Aikido im Hinblick auf Gewaltprävention![]()
Aikido fördert die Fähigkeiten des pO, auf einen Angriff zu reagieren,
minimiert aber gleichzeitig bei pT die Bereitschaft, aktiv Gewalt auszuüben.
Für das pO bietet Aikido
Die Besonderheit in Hinblick auf den Missbrauch von Kampfkunst (pT) ist aber, dass im Aikido
Diese Eigenschaften machen Aikido zu einer der sinnfälligsten Präventionsoptionen
dafür, das es erst gar nicht zur Ausbildung von gewalttätigen Verhaltensmustern
(bei Jugendlichen) kommt.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den
Kampfsportarten![]()
Fitness
Zunächst ist unbestreitbar, dass alle Kampfkünste schweisstreibend
sind, sich im Sinne der körperlichen Fitness also auf alle Fälle bezahlt
machen. Es wird oft übersehen, dass allein schon das neudeutsch genannte
Workout (und damit jeder anstrengende Sport) seinen Teil zur Gewaltprävention
sowohl bei den potentiellen Tätern wie auch bei den potentiellen Opfern
beiträgt. Für pT gilt: Stress wird durch körperliche Anstrengung
abgearbeitet, damit schwindet die Kampfbereitschaft und der Drang sich zu entspannen
nimmt zu - der Grund für mich, das Kampf-Flucht-Verhalten in den theoretischen
Vorspann dieses Aufsatzes zu stellen: Nebenbei wird das Immunsystem gestärkt,
was uns gegenüber unseren übriggebliebenen natürlichen Feinden,
den Bakterien und Viren Vorteile bringt. Generell wächst das körperliche
Wohlbefinden und das Selbstwertgefühl, was wiederum zufriedener macht und
damit Stress aus der Gemeinschaft nimmt. Denn kränkelnde Menschen neigen
zur Unzufriedenheit, erhöhen damit den Stress in einer Gemeinschaft und
schüren damit auch die Gewaltbereitschaft. Und von jugendlichen Straftätern
weiss man, dass sie meistens ein stark gestörtes Selbstwertgefühl
besitzen. (Aber natürlich kann Sport nur einen Teil einer Rehabilitation
von Tätern darstellen, da Verhaltensdispositionen sich weder monokausal
aufbauen noch auf so simple Art wieder verlernt werden.)
Dauerstress vermindert die Gedächnisleistung und führt damit zu schlechteren
Leistungen in der Schule, was zu Frust führt und die Gewaltbereitschaft
erhöht - die Römer sagten nicht umsonst: in corpora sana mens sana.
Fitness ist auf der Seite der pO ebenfalls eine der besten Präventionen
gegen Gewalt. Denn Opfer von Gewalt werden eher Menschen mit Opfermentalität.
Wer durch seine Körpersprache ausdrücken kann: ich bin stark, wird
dagegen wohlweislich in Ruhe gelassen. Selbstverteidigung fängt eben schon
viel früher an als bei einer gewalttätigen Auseinandersetzung, wie
in der einleitenden Geschichte dargelegt wurde. (Im Zweifelsfall kann man ausserdem
schneller weglaufen.)
Turnierkämpfe
In vielen Kampfsportarten wird die Möglichkeit gegeben, Turnierkämpfe
abzuhalten. Diese Ritualisierung der Gewalt ist ebenso eine wichtige Art der
Gewaltprävention (auf Seiten pT). Generell kann man bis auf wenige Ausnahmen
davon ausgehen, dass sehr engagierte Kampfsportler Ihre Kunst nicht missbrauchen,
wahrscheinlich aus diesen drei Gründen:
Selbstverteidigung für Frauen
Die Angst von Frauen, Opfer einer Vergewaltigung zu werden, ist weit verbreitet
und erklärt den Boom von Crash-Kursen zur Selbstverteidigung/-behauptung
für Frauen. Diese Kurse haben, wenn sie gut gemacht werden, sicher ihre
Berechtigung, da es sich gezeigt hat, dass Gegenwehr hilft. Da diese Kurse meistens
nur einige Stunden lang sind, kann hier nur Grundsätzliches gelehrt werden.
Ob das ausreicht, genügend Selbstbewusstsein aufzubauen, um sich tatsächlich
zu wehren, kann ich nicht abschätzen, aber mir scheint bei diesen Kursen
das Aufwand-Ergebnis-Verhältnis als durchaus günstig. Denn jede Frau
kann sich wehren, auch wenn sie nie spezielle Techniken einstudiert hat - meistens
reicht es aus, sich überhaupt irgendwie zu wehren. Will man sich aber effektiv
wehren können, muss man sich entweder bewaffnen oder eine richtige Kampfsportart
betreiben. Dafür reicht es wahrscheinlich nicht, zu wissen, dass man einem
Mann am besten zwischen die Beine tritt.
Die sportlichen Aspekte ergeben sich bei diesen Kursen natürlich auch nicht
- wer fit sein will mit den Vorteilen, die Fit-Sein bringt (verbessertes Körpergefühl,
höheres Selbstvertrauen, gesteigerte Selbstwahrnehmung), muss ständig
üben.
Resümee: Kampfsport und Jugendgewalt![]()
Jede sportliche Betätigung baut Stress und damit auch Aggression ab und
gleichzeitig das Selbstwertgefühl auf. Beides dient in hohem Masse der
Gewaltprävention.
Auf der Seite der pO ist die Fähigkeit, sich wehren zu können wichtige
Grundlage für das Funktionieren jeder zivilisierten Gemeinschaft. Eine
Erhöhung der Wehrhaftigkeit auf dem Schulhof auf Seiten der pO fördert
die Bereitschaft zur Zivilcourage und macht Täter vorsichtiger.
Die prinzipielle Einsicht, sich wehren zu können, reicht wahrscheinlich
schon in vielen Fällen aus, um sich als Mädchen oder Frau gegen männliche
Gewalt erfolgreich zu wehren, was einen Crash-Kurs als Schul-Event- Angebot
für Mädchen sinnvoll erscheinen lässt.
Kommentkämpfe wie im Judo sind gerade für Jugendliche eine bewährte
Methode, Rangkämpfe in rituelle Bahnen zu lenken und erübrigen die
gewaltsame Auseinandersetzung auf dem Schulhof.
Partnerübungen, solange sie nicht Aggressionen fördern, entwickeln
die soziale Kompetenz - sportliche (oder weltanschauliche) Regeln setzen Grenzen
- beides sind notwendige Voraussetzungen für adäquates soziales Verhalten.
Gerade Problemkindern kann in verantwortungsbewusst geführten Kampfsportschulen
geholfen werden, ihre Defizite auf diesen Gebieten aufzuarbeiten. Dagegen sind
überall, wo Beschädigungskämpfe Teil des Trainings sind, Vorbehalte
angebracht, dass hier Jugendliche ihre Fähigkeiten zur Gewaltausübung
lediglich ausweiten.
Literatur:
AXELROD, R. (1997, 4. Aufl.): Die Evolution der Kooperation Oldenbourg
LORENZ, K. (1974): Das sogenannte Böse. - München
RIDLEY, M. (1997): Die Biologie der Tugend. -Warum es sich lohnt, gut zu sein.
- Berlin
WISCHNEWSKI, G. (1969): Aikido. - Falken Bücherei Bd. 0248. - Wiesbaden.
SCHERER, K.R., H.G. WALLBOTT, F.J. TOLKMITT & G. BERGMANN (1985): Die Stressreaktion:
Physiologie und Verhalten, Goettingen.
TOP FIGHTER (International Magazin) (1998): Masters & Styles.
| Aikido Schule Basel - Webdesign by: Arie Nordemann - last update 28.10.2007 : |